Patricia Highsmiths »Venedig kann sehr kalt sein« (Diogenes Verlag) ist ein psychologischer Thriller, der sich in der faszinierenden, aber auch bedrohlichen Kulisse Venedigs abspielt. Im Zentrum steht der amerikanische Schriftsteller Frederic, der sich in die Stadt der Kanäle zurückzieht, um an seinem neuen Roman zu arbeiten. Er ist ein besonders einsamer, verschrobener und misanthropischer Charakter, der von Selbstzweifeln und innerer Leere geplagt wird.
Die Handlung entwickelt sich langsam, getragen von Frederiks Beobachtungen und Gedanken. Die Stadt selbst ist fast eine Figur im Roman, ihre verwinkelten Gassen und Kanäle spiegeln Frederiks inneren Zustand wider. Er begegnet verschiedenen Menschen, die seine Isolation entweder verstärken oder kurzzeitig durchbrechen, jedoch stets auf eine ambivalente Weise. Es entwickelt sich eine komplexe und unheimliche Atmosphäre, geprägt von Intrigen, Misstrauen und dem steten Gefühl der Bedrohung.
Highsmith meidet spektakuläre Wendungen und konzentriert sich stattdessen auf die subtile Ausgestaltung der psychologischen Prozesse ihres Protagonisten. Der Leser wird in Frederiks Gedankenwelt hineingezogen und erlebt seine zunehmende Paranoia und seine Verzweiflung hautnah mit. Die romantische Kulisse Venedigs bildet einen starken Kontrast zu der Kälte und der moralischen Ambivalenz, die Frederiks Charakter und seine Handlungen prägen.
Es ist kein typischer Thriller mit rasanten Verfolgungsjagden, sondern ein psychologisches Portrait eines Mannes am Rande des Abgrunds, in dem die Spannung durch die wachsende psychologische Bedrohung und die geheimnisvolle Atmosphäre Venedigs erzeugt wird. Der Roman hinterlässt ein beklemmendes Gefühl und regt zu Nachdenken über Isolation, menschliche Beziehungen und die dunklen Seiten der menschlichen Psyche an.