Dai Sijies »Balzac und die kleine chinesische Schneiderin« (Piper Verlag) erzählt die Geschichte zweier junger Männer, Luo und Ma, die während der chinesischen Kulturrevolution aufs Land geschickt werden, um sich »umerziehen« zu lassen. Dort begegnen sie der titelgebenden kleinen chinesischen Schneiderin, die ein unerwarteter Schlüssel zu ihrer persönlichen Entwicklung und ihrem Überlebenskampf wird.
Der Roman schildert die beiden Protagonisten, die anfänglich von Idealismus und revolutionärem Eifer geprägt sind, wie sie sich mit den harten Realitäten des ländlichen Lebens auseinandersetzen müssen. Ihre anfängliche Enttäuschung über die Entbehrungen und die Mangelwirtschaft weicht langsam einer Anpassung an die Umstände. Die Schneiderin, eine kluge und lebhafte Frau, bringt frischen Wind in ihr Leben.
Ein zentraler Aspekt des Buches ist die Entdeckung der westlichen Literatur, insbesondere der Werke von Honoré de Balzac, durch die beiden jungen Männer. Die Schneiderin besorgt ihnen heimlich westliche Bücher, die sie in geheimen Lesesitzungen gemeinsam erleben. Balzacs Romane wirken als Fenster in eine andere Welt, die ihnen neue Perspektiven und Möglichkeiten eröffnet und ihnen hilft, ihre eigene Situation zu reflektieren und zu verstehen. Die Literatur wird zum Symbol der Freiheit und der Sehnsucht nach einem anderen Leben, sie hilft den jungen Männern, ihre eigene Identität zu finden.
Der Roman verbindet auf charmante Weise humorvolle Elemente mit ernsten Themen wie der Kulturrevolution, der Unterdrückung und dem Kampf um Identität und Freiheit. Er erzählt eine Geschichte von Freundschaft, Liebe, Entdeckung und Reifung vor dem Hintergrund der historischen und politischen Umwälzungen in China. Dai Sijie schafft es, die schwere Thematik der Kulturrevolution mit Leichtigkeit und einem feinsinnigen Humor zu erzählen, ohne dabei die Tragik zu beschönigen. Die Erzählung ist voller Witz, Ironie und Weisheit. Die Bedeutung der westlichen Literatur, repräsentiert durch Balzac, als Katalysator für die Selbstfindung der Protagonisten bildet dabei einen zentralen, symbolischen Pfeiler der Geschichte.
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